7 Tage – Und solang Du das nicht hast 27.10.2018 – 03.11.2018

 

Kleine Vorschau

Am Samstag, den 27. Oktober um 14 Uhr eröffnet die 7. Jahresausstellung mit dem Titel „Und solang Du das nicht hast“, zu der erstmals die angrenzende Dorfkirche St. Jakobus miteinbezogen wird. Genau sieben Tage lang hat die Besucherin / der Besucher Zeit, Goethes berühmter und über 200 Jahre alten Gedichtsstrophe anhand der Arbeiten (Fotografien, Installationen und Figuren) von Jep Goldstein, Silvia Hatzl, Thomas Hans und Ute Lechner nachzuspüren. Die Ausstellung endet am Samstag, den 3. November mit einem lyrischen Konzert (verbunden mit Lesungen) in der angrenzenden Dorfkirche.

Und so lang du das nicht hast, 
Dieses: Stirb und werde! 
Bist du nur ein trüber Gast 
Auf der dunklen Erde.

(Johann Wolfgang von Goethe, West-östlicher Divan, Buch des Sängers, Selige Sehnsucht, 1814)

Packt einen die Inspiration, dann ist das nicht selten ein Vorgang von heftiger körperlicher und seelischer Intensität, ihr Ausgang meist unbestimmt. Was passiert wenn sie ausbleibt? Wenn von Sehnsüchten und Ideen kaum greifbare Erinnerungen bleiben? Wenn Zeit Geist und Körper allmählich aufzehrt und sich dem Mut siegessicher gegenüberstellt?

Silvia Hatzl beschäftigt sich in ihrem künstlerischen Werk „Häute“ (2017) mit Themen wie Zeit, Vergänglichkeit und dem Wert der Erinnerung. Ihr Motiv ist das « Kleid », ihr Material Stoff, Papier, Häute, Därme. Es geht um Erscheinung und Wahrnehmung, Verhülltes und Enthülltes, Innen und Außen, sinnliche, materielle und räumliche Qualitäten. Diese „Membranen der Psyche“ wie sie sie selbst nennt, fordern dazu auf, darüber nachzudenken, wie oft der Mensch geneigt ist, sich in seiner inneren Befindlichkeit hinter einer zweiten Haut zu verstecken, um so nicht seine Zweifel – und was ihn sonst noch in seinem Seelenleben aufwühlt – preiszugeben. Silvia Hatzl, in den 60er Jahren in Bayern geboren, ausgebildet in Brüssel an der Nationalen Kunsthochschule La Cambre (eine Gründung von Henry van de Velde) und der École des Arts du Cirque, sowie in Paris an der Sorbonne und dem L’Institut Superieur des Arts Appliqués arbeitet in Deutschland und Belgien als Malerin, Bildhauerin sowie als Bühnen- und Kostümbildnerin.

Thomas Hans (geb. 1984, lebt und arbeitet im Chiemgau) hingegen schafft aus dünnem Metall realistische und lebensgroße Figuren, teils feingliedrig, teils grob: „Jungbäuerin“ (2017), Samstagnacht (2018), Ich? (2016), „Bei drei“ (2018), „Rasten“ (2018). Ihre psychische Verfasstheit ist deutlich erkennbar. Die menschlich anmutenden Figuren legen die Vermutung nahe, dass sie einst als starke und schöne Wesen nach den höchsten Zielen (Wohlstand, erfüllte Liebe, Erfolg) gegriffen haben, bis sie schon bald das Unmögliche ihres Bestrebens erkannten. Ernüchterung, Einsamkeit und allmählicher Verfall stellen sich ein. Ihr bloßer Ausdruck, so scheint es, wurde mit dem anhaltenden Bemühen und Wollen zum Spiegelbild ihrer selbst. Psyche und Bild werden eins. „Das Vergehende und das Strapazierende liegt jedem Gegenstand, jedem Wesen und Konstrukt zu Grunde“, so der Bildhauer und preisgekrönte Künstler.

Nicht anders verhält es sich mit den Schwarz-Weiß-Fotografien des Künstlers Jep Goldstein (geb. 1957 in Argentinien, lebt und arbeitet in Buenos Aires und Rom). Seine Straßenporträts „La Grande Belleza“  (1979-2018) zeigen Momentaufnahmen der psychischen Verfasstheit von Menschen, die bei Goldstein instinktiv einen Verdacht auslösen. Während sie sich unbemerkt glauben, fängt er sie ein, entzieht ihnen Farbe und Schärfe, zieht sie aus dem undurchsichtigen Schleier ihrer Vergangenheit und reduziert sie am Ende auf ihren unverfälschten Gesichtsausdruck. Damit werden sie zu Trägern ihres eigenen Bildes, ihrer wahren Geschichte, die – so hat man den Eindruck – nicht an die Oberfläche geraten darf. Goldstein ist ein Kind italienischer Flüchtlinge, die aus dem faschistischen Italien nach Argentinien emigrierten. Während der argentinischen Militärdiktatur Anfang der Achtziger floh Goldstein als sozialistischer Literaturstudent nach West-Berlin. Schon in jungen Jahren begann er mit seiner Arbeit „Ich denke“ (1978-2018). Darin hält er seine ihn umtreibenden Gedanken zur menschlichen Existenz in verschiedenen Sprachen (Spanisch, Deutsch, Italienisch) fest. Nach seinem Abschluss zog es ihn in das Heimatland seiner Eltern. Seine Motive und Inspirationen findet er dort, wo Geschehenes noch an vielen Stellen unter dem Mantel der Verschwiegenheit dämmert: in Argentinien, Deutschland und Italien. Seine Fotografien und Gedanken werden jetzt erstmals neben der Installation „Wir baden im Mist und wähnen uns göttlich“ (1982) in Deutschland gezeigt.

Andere warfen sie weg, weil sie ihre Bestimmung verloren. Ute Lechner, 1943 geboren und aufgewachsen in Berlin, holte sie gemeinsam mit dem verstorbenen Künstler und Ehemann Hans Thurner (1951-2017, lebte und arbeitete im Chiemgau) zurück. Sieben Munitionskisten aus dem Ersten Weltkrieg, die sie nebeneinander aufbahren und jeweils mit einem in Bronze nachgegossenen Schädel bestücken, die Identitäten sind unbekannt: „in girum imus nocte et consumimur igni“ (wir wandeln in der Nacht umher und werden vom Feuer verzehrt), so der Titel. Die vielfach international ausgezeichnete Künstlerin und ehemalige Meisterschülerin Fritz Winters sucht die Ästhetik im Schmerz, im Sein und Nicht-Sein. Geistig und körperlich. So auch in ihrer Arbeit „Meine Mutter“ (Jahr unbekannt): ein alter Brottrog, in dem das Gesicht ihrer Mutter hervordringt – oder sich zurückzieht, verzehrt vom Überlebenskampf während des Zweiten Weltkrieges. Ute Lechner lebt und arbeitet in Rechtmehring bei Wasserburg am Inn.

„Ich möchte mit dieser Ausstellung den Gast nicht auf den Weg der Gelehrsamkeit schicken, ihm oder ihr mögliche Interpretation zu Goethes Worten aufzwingen. Es reicht, wenn sie Anstoß zum vielleicht ungefälligen Nachdenken gibt“, so Tom Angermeier.

Weitere Künstler: Christian Sedelmayer, Felix-Ludwig Neumann, Marcus Schäfer, Ackstaller-Schweikl, Lena Zehringer, Ivana Bartak, Peter Rappl, Clemens Weiss

AUS-KLANG: Samstag, 3. November von 19:00-20:00 Uhr (lyrisches Kirchenkonzert mit Lesungen in der angrenzenden Dorfkirche St. Jakobus; Gesang: Bariton Hubert Dobl) Programm

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